The Reality of Dreams

26. Oktober 2024 / 19:00

Giulia Guarneri , Stimme und Stefan Kägi, Klavier

“I think that if I get into the habit of writ­ing a bit about what hap­pens, or rather doesn’t hap­pen, I may lose a lit­tle of the sense of lone­li­ness and des­o­la­tion which abides with me.”

«Ich glaube, wenn ich mir angewöhne, ein wenig darüber zu schreiben, was passiert oder bess­er gesagt nicht passiert, ver­liere ich vielle­icht ein wenig von dem Gefühl der Ein­samkeit und Trost­losigkeit, das mir anhaftet.»

Mit bek­lem­mender Offen­heit set­zte sich Alice James (1848–1892) in ihrem Tage­buch mit dem eige­nen Tod auseinan­der. Aufgewach­sen in einem männlich dominierten Umfeld und geprägt durch den inter­na­tionalen Erfolg ihrer älteren Brüder – Hen­ry und William – war Alice stets mit den lim­i­tierten Ent­fal­tungsmöglichkeit­en für Mäd­chen und Frauen ihrer Zeit kon­fron­tiert. Ihr wurde der Zugang zu Bil­dung ver­wehrt, ganz nach der Überzeu­gung, dass Bil­dung der natür­lichen Bes­tim­mung der Frau nur schaden könne. Aus der sich abze­ich­nen­den gesellschaftlichen Ran­dex­is­tenz in erzwun­gener Nut­zlosigkeit entwick­elte sie eine Todessehn­sucht. Auss­er Stande sich zum Suizid durchzurin­gen, fris­tete sie ein Dasein in ein­er Art Wiedergän­gerex­is­tenz, immer in Vor­bere­itung auf den Tod.
«The Real­i­ty of Dreams» ist eine Per­for­mance, welche die Lebens- und Gedanken­welt von Alice James durch die Fig­urenkon­stel­la­tion und ihre Aktio­nen, durch eine Mehrkanalk­lang- sowie eine Lichtin­stal­la­tion darstellt. Die Klan­gin­stal­la­tion basiert auf James’ Tage­buchein­tra­gun­gen und Textpas­sagen aus Simone Schar­berts (1974) Roman­de­büt «du, alice. eine anrufung» (2019). Die Lichtin­stal­la­tion unter­stützt das Ganze in assozia­tiv­er Weise.
Anknüpfend an James’ Aus­führun­gen ste­hen Gedichte von Emi­ly Dick­in­son, in denen geistige Weitläu­figkeit ihre Artiku­la­tion in räum­lich­er und sozialer Begren­ztheit find­et. Die Ver­to­nung Dong Zhou’s von vier Dick­­in­­son-Gedicht­en, Klavier­w­erke von Dahae Boo und George Crumb sowie der Zyk­lus «Ich bin nicht tot» von Julia Schwartz und eine Urauf­führung von Emre Şen­er bieten den Tage­buchauszü­gen einen musikalis­chen Rah­men. Giu­lia Guarneri und Ste­fan Kägi wid­men sich so der The­matik der Fort-schrei­bung patri­ar­chaler Macht- und Gesellschaftsstruk­turen und den daraus resul­tieren­den beschränk­ten Tätigkeits­feldern von Frauen.