UMS ‘n JIP — im störgarten

5. Juni 2025 / 19:00

Ulrike Mayer-Spohn & Javier Hagen

Der Text im Präludi­um von Max E. Keller beste­ht aus Satzfrag­menten wie “Muss ver­boten wer­den”, ” Muss geregelt wer­den”, “Muss umer­zo­gen wer­den”. Er sagt nicht, wer was ver­bi­eten will, aber er markiert eine gesellschaftliche Ten­denz: in Europa, Rus­s­land, Chi­na, in ara­bis­chen Län­dern, Nord­ko­rea, USA u.a. wird auf ver­schieden­sten Gebi­eten und von ver­schiede­nen poli­tis­chen Posi­tio­nen aus mit autoritären Direk­tiv­en, Überwachung und Ver­boten ver­sucht, die Men­schen zu bevor­munden. Die Musik ist sozusagen diese unaus­ge­sproch­enen Gegen­welt. Sie ist anar­chisch, unge­ord­net, wild, aber auch sen­si­bel und still. Der Freiraum der Inter­pretieren­den ist gross, oft impro­visan­do.

“In der Nahauf­nahme ver­wildern wir” heisst Rolf Her­mannneuer Gedicht­band (2021). ”im stör­garten” ist ein­er der vier Zyklen daraus: ein Gang durch einen längst ver­schwun­de­nen Obst­garten. Er zoomt mit­ten hinein in unsere Lebenswelt mit ihren glob­alen Ver­flech­tun­gen, ihren Hotspots und Flächen­brän­den, ihren Erschöp­fungszustän­den. Rolf Her­mann dazu: ”Im Zyk­lus ”im stör­garten” ist die Trauer ein zen­trales Motiv. Dieser Zyk­lus spielt in einem Gebi­et (Leuk­er­feld), das mir seit mein­er Kind­heit ver­traut ist. Die Land­schaft wurde in den let­zten Jahren tief­greifend verän­dert. Äck­er, Felder und Wiesen wichen Gewerbe– und Indus­triezo­nen, einem Golf­platz und ein­er Auto­bahn. Die unaus­ge­sproch­ene Frage, die sich durch diesen Zyk­lus zieht, lautet  für mich denn auch: Was geht in uns vor, wenn eine Land­schaft, die wir seit unser­er Kind­heit lieben, entstellt wird? Da scheint mir die Ver­wilderung dur­chaus eine rat­same Option zu sein.”

Eine musikalis­che Inter­pre­ta­tion ein­er lit­er­arischen Anver­wand­lung Rilke’scher Gedichte: ”im stör­garten” ist ein Liederzyk­lus für Stimme, Block­flöten und Elek­tron­ik von UMS’nJIP. Kom­pos­i­torisch greifen UMS’nJIP das The­ma der schle­ichen­den Naturentstel­lung auf und inter­pretieren diese in einem etwa 80 Minuten dauern­den musikalis­chen Prozess: Aus­ge­hend von abstrak­ten Geräuschfrag­menten — an Naturg­eräusche erin­nernd — entwick­eln sich mehrere Verdich­tung­sprozesse. Anfänglich in ihre Klangbe­standteile aufgelöst und kaum im Raum wahrzunehmen, wer­den Worte und Sätze mit fortschre­i­t­en­der Dauer zunehmend als Sin­nein­heit­en wahrnehm­bar und melis­ma­tisch einge­bun­den. Auch die Klänge unter­ste­hen ein­er Meta­mor­phose: sind sie anfangs auss­chliesslich ana­log erzeugt, so schle­icht sich im Ver­lauf des Stück­es immer mehr die elek­tro­n­is­che Sub­sti­tu­tion ein. Dass diese zunehmend in einem ”ver­führerischen” pop­kul­turellen Kleid daherkommt, ver­lei­ht dem Ganzen eine ver­störend-reizende Ambivalenz, welche mit unseren ästhetis­chen Erwartung­shal­tun­gen spielt und diese als blosse Hüllen ent­larvt, rel­a­tiviert — und bricht. Ana­log zu Rolf Her­manns Wun­sch: ”die Sinnlichkeit und die Ver­let­zlichkeit der Welt in Worten erfahrbar zu machen” machen UMS’nJIP dieselbe Sinnlichkeit und Ver­let­zlichkeit nun auch in Klän­gen erfahrbar.

UMS’nJIP sind eines der pro­fil­iertesten Ensem­bles für Neue Musik der Gegen­wart und an den bedeu­tend­sten Konz­ert­stät­ten für Neue Musik zuhause (Teatro Colón Buenos Aires, Liceu Barcelona, Steghi Athen, Pala­cio de Bel­las Artes Mex­i­co City, Bien­nale Musi­ca Venezia). Über 1400 Konz­erte, mehr als 300 Urauf­führun­gen in 40 Län­dern und 35 inter­na­tionale Preise säu­men ihren musikalis­chen Weg. 2022 lassen sie sich in Münster/Goms nieder und eröff­nen mit dem MEbU, dem Mün­ster Ear­port, am Fusse des Rhone­gletsch­ers einen Kun­straum für exper­i­mentelle Kam­mer­musik.